Madame de Sade

Tod und Nacht und Blut
Mishima und de Sade

Was faszinierte einen japanischen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts so an dem göttlichen Marquis Frankreichs des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts, das er ihm mit einem Theaterstück ein Denkmal setzte?

Simone de Beauvoir schreibt Sades Verdienst ist es nicht nur, mit lauter Stimme verkündet zu haben, was jeder Mensch sich verschämt eingesteht, sondern auch, sich damit abgefunden zu haben. Auch Yukio Mishima verbarg Zeit seines Lebens seine Homosexualität und seinen Hang zum Sadomasochismus, der in seinen Werken allerdings mehr oder weniger deutlich zur Sprache kommt.
Dort auf meiner Mörderbühne opferten junge römische Gladiatoren ihr Leben, um mich zu ergötzen. In meier Phantasie schlachtete ich so manchen Sklaven, Liftboy, Kellner, jungen Burschen, Offizier..., im Geiste pflegte ich die Lippen der Opfer, die am Boden im Todeskampf zuckten, zu küssen (aus GESTÄNDNIS EINER MASKE). Und obwohl diese Passagen seine sexuellen Vorlieben klar belegen, heiratete er, hat zwei Kinder und führt in der Öffentlichkeit ein "normales" Eheleben.

Eine Persönlichkeit wie de Sade, der sich dagegen wehrte, schuldig gesprochen zu werden, weil sein abseitiges Triebleben eine Laune der Natur, unabänderlich und selbstverständlich auch unheilbar sei (aus DE SADE - VERBRECHEN DER LIEBE), musste Mishima einfach nahe sein.
Beide sehnten sich nach Nacht und Tod und Blut (aus GESTÄNDNIS EINER MASKE), beide tarnten ihre Neigungen in der Öffentlichkeit unter anderem durch Heirat und beide zeigten sich in ihrem Werk radikal und ohne Masken. Der Sklave aller, die atmen, wird man, wenn man sich selbst so weit vergisst, das man der Sklave seiner Leidenschaften geworden ist, dieses Zitat aus einer Novelle de Sades hätte auch auch von Yukio Mishima stammen können. Der Mensch de Sade, sein Leben und seine kompromisslose, freiheitliche Philosophie sind Attribute, die sich ohne grosse Anstrengungen auch auch Mishima anwenden lassen.

Aber warum dann ein Stück, in dem der Marquis nicht einmal selber auftritt?
Mishima interessierte als Schriftsteller das Geheimnis aufs Äusserste, warum die marquise, nachdem sie ihrem Gatten während der langen Jahre seiner Kerkerhaft so unbedingt die Treue gehalten hat, sich im gleichen Moment von ihm abwendet, als er endlich die Freiheit erlangte.

Ich verspürte, das hier etwas zutiefst Unverständliches und doch zugleich zutiefst Wahrhaftes der menschlichen Natur verborgen lag..., schreibt Mishima in einem Essay zu MADAME DE SADE.

Er hatte eine ausgesprochene Vorliebe für Frauen, die sowohl mit Scharfsinn als auch mit Kraft ausgestattet sind, und wohl deshalb baute er das Stück wie ein präzises geometrisches System um Reneé herum auf und überträgt alle anderen Rollen ebenfalls Frauen. Vielleicht war ihm de Sade auch schon zu vertraut, um ihn zu einer auftretenden und handelnden Person eines Theaterstücks zu machen.
Vielleicht war er ihm zu nahe.
Schon in Mishimas erstem Roman lassen sich Passagen finden, die später sehr ähnlich in MADAME DE SADE wieder auftauchen. Die Ergebenheit einer Frau ist nicht die Gegengabe, die sie ihrem Gatten für gelegentliche gütige Worte oder Handlungen schenkt. Ihre Ergebenheit muss seine ganze Person mit einbeziehen. Bereits sechzehn Jahre zuvor schrieb er: Bei einer so wechselseitigen Beziehung wie der Liebe muss man dem anderen das gleiche geben, was man von ihm verlangt, ein Beispiel von vielen dafür das Mishima bei der Beschäftigung mit de Sade sein eigenes Leben wiedererkennt und reflektiert.

Wenn Mishima Reneé sagen lässt Ich bin Alphonse, so meint er damit auch nicht zuletzt sich selber.

Ensemble
Reneé Pelagie,
die Marquise de Sade
Irene Rose
MarieMadeleine de Montreuil,
Reneés Mutter
Petra Walsh
Anne-Prospére de Launey,
Reneés jüngere Schwester
Gudrun Mieczkowski
Gräfin de Saint-Font Angela Lops
Baronin de Simiane Mechthild Kramer
Charlotte,
Haushälterin im Hause Montreuil
Eva Lipps / Sandra Hoitz
Regie Torsten Zentis
Regieassistenz Verena Bill
Ausstattung Silke Niehammer
Kostüme Jana Kwidzinski
Licht Torsten Zentis
Requisite Anke Niehammer
Musik Dieter Seite
Öffentlichkeitsarbeit Ulrike Boldt
Ikebanagesteck Bärbel Vomberg
Photographie Annette Schreiber
Mirrors Yukio Mishima: Madame de Sade
Spiege·lei William Mastrosimone: Extremities
Ensemble Tagträumer
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